Quelle: junge Welt.de vom 15.03.2008

Warnzeichen Wetter
Mehr Stürme im Winter, erhöhter Meeresspiegel, Ausbreitung tropischer Krankheiten: Wissenschaftler verweisen auf die Folgen des Klimawandels

Der diesjährige Winter schlägt besondere Kapriolen: Während weite Teile Europas ungewöhnlich warm sind und Schnee hierzulande zur Rarität zu werden scheint, haben große Teile Chinas inklusive seiner eher tropischen Regionen im Süden einen extrem harten Kälteeinbruch erlebt. Im globalen Mittel sind die Wintermonate deutlich kühler ausgefallen als in den Jahren zuvor. Das ist einerseits ein Ausdruck dafür, wie wenig die globalen Mittelwerte, von denen meist die Rede ist, wenn über den Klimawandel gesprochen wird, etwas über regionale und lokale Verhältnisse aussagen. Zum andern ist es auch ein Zeichen dafür, daß Klimawandel nicht nur einfach Erwärmung heißt, sondern vor allem auch mehr Extreme zur Folge hat. Die seit einigen Jahren in den Wintern West- und Nordeuropas vorherrschenden »Wetterregime« mit westlichen Winden und Stürmen, die milde Atlantikluft heranführen, könnten bereits ein Anzeichen für den Wandel sein, meint der Kieler Klimaforscher Mojib Latif. Das komplexe Klimasystem reagiere auf die Veränderungen der Rahmenbedingungen, in diesem Falle die Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre, mit »Regimewechseln«. Veränderungen vollziehen sich nicht immer graduell, sondern das System sucht sich einen neuen Gleichgewichtszustand. Für unsere Regionen heißt das offenbar, daß wir im Winter deutlich weniger arktische Luft zu spüren bekommen und dafür mehr atlantische Stürme.

Sind das Orkantief »Emma« Anfang März und Sturmbringer »Kirsten« in dieser Woche also Sendboten des Klimawandels? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Einzelereignisse können nicht als Beleg für Veränderungen herangezogen werden. Klima ist per Definition ein Mittelwert, und erst die Veränderung der Häufigkeit von zum Beispiel Stürmen oder warmen Wintern markiert den Wandel.

Doch es gibt jede Menge Warnzeichen, derer sich kürzlich in Hamburg ein wissenschaftliches Symposium annahm. In Nord- und Ostsee etwa verändern sich in einem Zusammenspiel aus Erwärmung und globalem Artentourismus die Zusammensetzung der Ökosysteme sehr rasch. Neue Arten wandern von Süden ein oder werden in den Ballasttanks der Frachtschiffe eingeschleppt, andere, wie der Dorsch, weichen nach Norden in kühlere Gewässer aus. Nicht jede Veränderung ist unbedingt nachteilig, meint Karsten Reise von der Sylter Außenstelle des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, aber manche eben schon: In der Ostsee bereitet zum Beispiel derzeit eine eingewanderte Quallenart den Fischern Sorgen, da sie Jagd auf winzige Jungfische macht und damit die Bestände gefährdet. Der Anstieg des Meeresspiegels stellt ein zusätzliches Problem dar. Hierzulande werde man vermutlich die Deiche ausreichend erhöhen können, so Reise, aber für die Inseln vor der Küste könnte es brenzlig werden. Derzeit klettern die Pegelstände etwa drei Zentimeter pro Jahrzehnt, aber mittelfristig wird dieses Tempo vermutlich ansteigen.

Besondere Herausforderungen kommen auf die Gesundheitsversorgung zu: Tropische Krankheiten werden sich ausbreiten, Fälle von gesundheitsgefährdender Hitze dramatisch zunehmen (siehe Interview). Oft ist für die Menschen nicht nur der Wandel ein Problem, sondern besonders auch das große Tempo, mit dem er sich vollzieht. Die Anpassung wird insbesondere für arme Länder extrem schwierig. In einigen Fällen, so Hartmut Graßl vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, könnten Regionen wegen zu großer Hitze vielleicht sogar unbewohnbar werden.