Quelle: Spiegelonline.de vom 14.03.08

Wildlachs-Drama an der US-Westküste

Weltweit sind Fischbestände massiv bedroht - und das bekommen jetzt auch die USA zu spüren: Die Wildlachs-Bestände an der US-Westküste sind stellenweise fast komplett verschwunden. Die Behörden wollen die Fischerei nun verbieten, noch bevor die Saison richtig begonnen hat.

An Amerikas Westküste dürfte die diesjährige Wildlachs-Saison ausfallen: Die Bestände sind so stark eingebrochen, dass die zuständige Behörde den Pazifik in einigen Bereichen für die Wildlachs-Fischerei bereits gesperrt hat. Das Pacific Coast Fisheries Management Council wird sein Verbot voraussichtlich auf ganz Oregon und Kalifornien ausdehnen, wie amerikanische Zeitungen berichten. Damit wäre - vom äußersten Nordwesten abgesehen - die gesamte Westküste der USA betroffen.

Die Zahlen über die Entwicklung der Wildlachs-Bestände sind dramatisch - vor allem für den Sacramento River, aus dem rund 80 Prozent des vor der kalifornischen Küste gefangenen Wildlachses stammen. Im vergangenen Jahr sind nur 90.000 ausgewachsene Tiere zum Laichen in den Fluss zurückgekehrt - die zweitniedrigste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen, wie die britische Zeitung "The Independent" berichtet. Die Prognosen für dieses Jahr gingen sogar von nur 60.000 Exemplaren aus. Zum Vergleich: Einst lag die Zahl bei etwa 800.000. Wenn weniger als 120.000 Lachse zum Laichen kommen, verbieten die Behörden üblicherweise den Fischfang.

Für Experten kommt das keineswegs überraschend. Seit zwei Jahren ist die Zahl der Junglachse, die mehr als ein Jahr im Ozean überleben, stark rückläufig. Sie gilt als sicherer Indikator für den Bestand an ausgewachsenen Fischen im darauffolgenden Jahr - und 2007 lag die Menge der Jungtiere aus dem Sacramento River bei weniger als sechs Prozent des langjährigen Durchschnitts, sagte Robert Lohn vom National Marine Fisheries Service der "New York Times". "Das ist der schlimmste Zusammenbruch der Lachsbestände seit 40 Jahren."

Ursachen unklar

Die Gründe für das Wildlachs-Drama sind ungeklärt. Manche Wissenschaftler machen die Veränderung von Meeresströmungen durch den Klimawandel dafür verantwortlich, dass weniger Nährstoffe die Oberfläche des Pazifiks erreichen. Die vom Fangverbot betroffenen kommerziellen Fischer - etwa tausend an der Zahl - sehen den Grund für den Lachs-Rückgang dagegen eher im Konkurrenzkampf um die Fischgründe.

Klimawandel und exzessive Fischerei stellen eine gefährliche Melange dar, vor der Wissenschaftler immer eindringlicher warnen. Erst im Februar haben die Vereinten Nationen Befürchtungen vor einem "völligen Zusammenbruch" der Fischbestände in den wichtigsten Fangzonen der Welt geäußert (mehr...). Die Welternährungsorganisation FAO hat vor einem Jahr prognostiziert, dass in freier Wildbahn aufgewachsene Speisefische schon in den nächsten Jahrzehnten aus den Meeren verschwunden sein könnten (mehr...). Manche Wissenschaftler vergleichen die Folgen des menschlichen Handelns inzwischen gar mit den fünf großen Massensterben der Erdgeschichte (mehr...).


Offen ist, ob und in welchem Maße Klimawandel und Fischerei für den Wildlachs-Schwund an Nordamerikas Westküste verantwortlich sind. Denn neben veränderten Meeresströmungen und starker Befischung richtet in Nordamerika auch die Lachszucht ökologisches Unheil an. "Es gibt die Befürchtung, dass Lachse aus Zuchtanlagen entkommen und Parasiten auf den Wildlachs übertragen", sagt Heinz-Dieter Franke vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung SPIEGEL ONLINE. Denkbar sei auch, dass in der Zucht degenerierte Lachse sich mit frei lebenden Artgenossen paaren und so ihre genetischen Defekte weitergeben.

Der Freizeitindustrie entgehen Milliarden-Einnahmen

Die Wildlachs-Fischer suchen die Verantwortung indes weniger beim Klimawandel oder gar bei sich selbst, sondern eher bei den Landwirten. Insbesondere in Kalifornien, so der Vorwurf, leiteten die Farmer mit Pestiziden verseuchtes Wasser in die Flüsse und seien so für das Lachssterben zumindest mitverantwortlich.

Doch es sind wohl nicht nur die Farmer. Auch die massenhafte Abholzung von Bäumen, die normalerweise das Versanden von Flüssen verhindern, gilt als einer der Gründe für das Verschwinden der Wildlachse. Dann wären da noch die Golfer: Deren sattgrüne Spielflächen verschlingen Unmengen an Wasser, was insbesondere in trockenen Gegenden wie Kalifornien heikel ist.

Eine andere Freizeitbeschäftigung ist derweil bis auf Weiteres passé: Jedes Jahr kommen Millionen von Anglern an die Flüsse der westlichen USA, um Wildlachsen nachzustellen. Nach dem Behörden-Verbot fällt der Spaß in diesem Jahr ins Wasser - und mit ihm geschätzte vier Milliarden Dollar (rund 2,6 Milliarden Euro) an Einnahmen der Freizeitindustrie.